Heimatgefühle …

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Wieder sind knappe drei Wochen vergangen – Wochen, in denen viel passiert ist.
Zuerst: Ich bin glücklich und mir geht es prima. Ich habe mich sehr gut eingelebt und bin vollends hier angekommen. Manga ist mein Zuhause geworden!

Vor zwei Wochen hatten meine Geschwister und ich ziemlich überraschend 4 Tage sturmfrei. Meine Mutter Jacky ist spontan nach Nairobi gefahren. Diese Tage waren ein entscheidener Auslöser dafür, dass ich mich auch in meiner Gastfamilie jetzt pudelwohl fühle. Das erste Mal habe ich mich wie ein richtiges Familienmitglied gefühlt, wir waren einfach nur normale Geschwister, die das Haus ein wenig auf den Kopf gestellt haben. Wir haben zusammen gekocht, gelacht und gespielt. In dieser Rolle bin ich dann auch geblieben, ich bin nichtmehr „die Weiße“. Natürlich habe ich noch viel zu lernen und will auch viel lernen. Aber zumindest bei den alltäglichen Sachen kann ich schon gut anpacken. Meine Familie ist bei allem sehr geduldig – beim Fußmarsch mit 25 kg Wasser auf dem Kopf wird eine Pause gehalten, wenn ich sie brauche (verdammt das ist aber auch mega schwer, Nackenschmerzen garantiert!).

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Ugali kochen

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Marion und Brian

Am sturmfreien Freitag kamen mich Melanie und Romina zuhause besuchen und wir hatten einen superlustigen Abend mit der Feststellung, dass unsere Bäuche zu schnell wachsen und das nicht vertretbar ist! Mehr Sport war unser Plan …

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Samstag sind wir dann nach Kisii Town aufgebrochen, um mit Masa (Japan) und Amelie (Dtld) einen netten Abend zu verbringen. Noch vor wenigen Wochen heißgeliebt, vergeht uns hier langsam die Lust auf große Party. Viel zu viele Sachen gilt es zu erzählen und auszutauschen – da macht eine nette Bar mit einem Bierchen mehr her! Es ist witzig, wie schnell sich manche Prioritäten ändern – wir sind halb ausgeflippt, als wir eine Dusche, sogar warmes Wasser und eine Toilette im Hostel nutzen konnten. Aber wenn ich hier vor ein paar Monaten übernachtet hätte, hätte ich mich dort vermutlich geekelt. Den Magen voll mit selbstgemachten Käse-Sandwich und Müsli sind wir dann Sonntag aber auch schon wieder aufgebrochen nach Hause.
Und dann gab es eine große Überraschung – meine Mutter hat eingestimmt, dass wir einen neuen Hund haben können. Also habe ich uns von den Nachbarn den kleinen Welpen Jasko Lancer gekauft. Er ist so unglaublich knuffig und folgt mir auf Schritt und Tritt im Garten!
Jetzt fühlt es sich zuhause manchmal wie nen Baby-Streichelzoo an – Welpe, kleine Ziegen, eine Babykuh und ganz viele Kücken 😀

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Suchbild: Finde zwei Kücken

 

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Das letzte Wochenende habe ich dann ganz gemütlich in meiner Familie verbracht – naja gut, was heißt gemütlich. Hier bedeutet Wochenende für mich mehr Arbeit als unter der Woche. Und vorallem kein Ausschlafen. Ich weiß nicht warum, aber meine kleine Schwester Marion liebt es, 6 Uhr morgens so lautstark zu singen, dass man gezwungen ist, aufzustehen 😀
Und dann gibt es auch direkt viel zu tun! Die Tiere müssen versorgt, Kühe gemelkt, Holz gehackt, Wasser vom Fluss geholt und im Garten gearbeitet werden. Die meiste Arbeit wird von 6-12 Uhr erledigt, da dann die Mittagssonne knallt. Nachmittags ist dann großes Wäsche waschen dran. Abends kam dann Melanie dazu und wir haben den Tag gemeinsam ausklingen lassen.

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Wäsche waschen

 

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Jasko liebt es in meiner Kapuze zu liegen, so ist er immer überall dabei

Sonntag dann der Besuch bei Kerubo – die Chefin unserer Organisation ICYE und gleichzeitig meine Verwandte. Lange haben wir uns darauf gefreut und umso größer die Überraschung, dass sie nicht da war. Sie ist zwei Tage vorher nach Amerika aufgebrochen – meine Mutter wusste das, fand es aber nicht erwähnenswert schließlich „ist es doch auch nett, ihre Eltern zu besuchen“ – Ja natürlich, aber so ne Randinfo wäre ja ganz gut gewesen bei einem geplanten Besuch von KERUBO 😀 Verstehe einer die Kenianer!

In der Schule nimmt auch alles seinen Lauf – wir hatten diese Woche wieder Examen und wieder ist das Ergebnis niederschmetternd!!!
Durch eine liebe Spende konnte ich mit ein paar Bällen und Springseilen nachlegen. Das erleichtert den Sportunterricht schonmal etwas, da nun richtig Fußball gespielt wird. Obwohl ich die Befürchtung habe, dass alles nur zeitweilig ist – der Untergrund ist sehr steinig und direkt hinterm Tor erstreckt sich eine Dornenhecke. Der große Hype um „Oh mein Gott, ich habe eine Weiße angefasst“ ist nun auch vorüber und ich höre schon manchmal das ein oder andere Maulen, wenn Madame Hannah zum zigsten Mal die falsch ausgeführten Liegestütze und Klimmzüge korrigiert. Tja – bin halt doch nur ein Lehrer 😛

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Aber gerade das Spielen nach den Trainingseinheiten macht super Spaß. Der „Sportplatz“ ist eine Wiese, wo die Kühe drauf grasen. Daher kommt es immer mal zu sehr witzigen Situationen, wenn bspsweise eine Kuh gerade zufällig vorm Tor läuft und dadurch einen Treffer verhindert 😀 Einmal habe ich richtig Bauchschmerzen mit den Mädchen gelacht. Der Ball ist in einen frischen Kuhfladen gerollt – ich habe das jedoch nicht bemerkt. Also schieße ich den Ball, der Torwart will ihn halten, gleitet jedoch durch die Hände und voll ins Gesicht. Erst haben wir alle verdutzt geguckt, sind dann aber allesamt in schallendem Gelächter auf den Boden gesackt, weil Jemimas Gesicht voll mit Kuhkacke war! :´D Das Geilste war, dass sie einfach so weitergespielt hat!
Generell fühle ich mich sehr in meine eigene Schulzeit zurückversetzt und fange an, Verständnis für manche Lehrer und Situationen zu entwickeln. Wie habe ich immer drüber geschimpft, wenn ein Lehrer ständig Namen verwechselt – so schwer ist das doch gar nicht! Oh doch Leute ist es, manchmal habe ich einen Namen schon nach zwei Minuten wieder vergessen. Oder wenn die ganze Klasse kichert, weil man Kreide an der Hose hat.
Also ihr seht – ich habe eine Menge Spaß mit meinen Schülerinnen. Ich mag sie alle echt sehr 🙂

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Mit den Lehrern habe ich allerdings noch so meine Probleme. Mit einigen von ihnen komme ich absolut nicht klar. Ich probiere echt sie zu mögen, aber in meinen Augen tun sie so falsche Dinge. Das fängt beim täglichen Schlagen der Kinder an, oft kann mir kein Grund genannt werden. Bei Diskussionen wird mit „ja kenianische Kinder brauchen Gewalt, deutsche Kinder werden ja schon diszipliniert geboren“ argumentiert und umso schockierender von einem Lehrer gesagt zu bekommen, dass es hier VERBOTEN ist! Das war mir bisher nicht so bewusst und umso trauriger, dass es hier überall Anwendung findet. Außerdem verhalten sie sich sehr unhöflich gegenüber anderen Erwachsenen. Und sie unterrichten vorallem die Kinder nicht richtig und das macht einfach traurig. Denn die Schüler wollen lernen, bekommen aber nichts beigebracht und werden es dadurch nicht weiter als die Eltern bringen. Melanie unterrichtet Life Skills an der Secondary School. Sie hört sehr schaurige Geschichten über Gewalt und Armut – Mädchen, die in der Grundschulzeit vergewaltigt werden, schwanger werden und das Kind an den Lehrer und seine Familie abgeben müssen.
Wie wohlbehütet wir doch aufgewachsen sind …
Ansonsten erleben wir mit Melanie immer wieder superwitzige Momente, die uns einen Lachkrampf beschweren. So haben wir uns einmal den Scherz erlaubt auf den tausendsten „Mazungo“-Ruf mit „Oh schau, schwarze Kinder. Ahhh schwarze Kinder, noch nie gesehen. Hey dürfen wir euch anfassen, wow so tolle Haare!“ zu antworten 😀 Haha, doch auch die Kinder auf dem Markt lernen dazu und wir werden meistens mit Madame Hannah und Madame Mel angesprochen und nicht mehr als Weiße.
Auch gibt es so allerhand Heiratsanträge und Beziehungsanfragen von Männern – warum auch nicht, schließlich kennen wir uns schon seit 5 min! So langsam fange ich auch an, die Sprachen Englisch und Deutsch zu mixen und mir fällt manchmal eher ein Wort in Englisch ein als in Deutsch.

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Haare schneiden !

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der Versuch, Omelett überm Feuerkocher zu machen, scheiterte 

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Angie etwas verwirrt, was das Cappie soll 😀

Unseren Kleinen im Dorf geht es auch prächtig. Wir wollen „Project Toes“ starten, um jedem Kind ein Paar Schuhe zu ermöglichen. Aber das ist noch in Arbeit, wir werden euch bei Fertigstellung näheres wissen lassen 🙂

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unsere bezaubernde Familie, von der ich letztens erzählt habe: Mama, Nyaweta, Alice, Yanis mit Baby Joseph, Dianah und Jemima

 

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Nyaweta, mein kleiner Liebling – sie hat Rehaugen!

Und Melanie und ich haben den Kampf gegen das viele Essen angesagt! 😀 Auch wenn es unverständlich für unsere Familien ist, dass man nicht dick sein möchte. So konnten wir doch die Mahlzeiten wieder auf drei beschränken. Jeden Tag joggen, Bauchübungen und Eigengewichtstraining sind zurück und dabei integrieren wir auch noch voll unsere Babyschwester Angela. Die Kleine ist nämlich TV-besessen, da die Eltern sie immer vor den Fernseher setzen und mit ihren 9 Monaten lag ihr noch nichts daran, sich irgendwie zu bewegen. Doch nun dient sie uns als Gewicht und Hantel, sie hat mega Spaß dabei und ihre Motorik wird von Tag zu Tag besser. Auf dem Bauch im Kreis drehen und die ersten Robb-Versuche sind das Ergebnis und Angies ersten zwei Zähnchen!

 

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soviel Spaß 🙂

Achja und lasse niemals deine Kamera unbeobachtet bei deinen Geschwistern. Da kann der Akku durch ein 20 min – sinnlos – Video schnell mal alle sein oder du findest überraschende Selbstporträts 😀

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Hier in Kenia erlebe ich so schöne kleine Momente. Kleine Momente, die das Leben hier so schön machen.
So habe ich in Standard 6 (bin ich Klassenlehrerin) ein Mädchen Elizabeth. Sie ist älter als ihre Mitschüler und sehr verschlossen! In den vergangenen sieben Wochen habe ich sie kein einziges Mal Wort sagen hören weder Englisch noch Kisii, sie sitzt meist einfach nur da und nuckelt an ihrem Daumen (sie ist ca 15). Auch wenn ich sie angesprochen habe, hat sie sich nur weggedreht. Sie hat eine körperliche Behinderung- kann nicht rennen und hat eingeschränkte Kontrolle über ihre Hände. Letzte Woche kam sie dann in Kunst nach vorne mit den Worten „Madame Hannah“ und zeigte auf die Stifte. Sie wollte malen, was sie bisher immer abgelehnt hatte. Es klingt nicht so großartig für euch, aber ich war in diesem Moment so unglaublich stolz auf Elizabeth – es muss sie unglaublich viel Mut gekostet haben.

Ein anderes kleines Wunder durfte ich bei einer Marktfrau erleben. Ihr Baby Michell wurde zwei Monate zu früh geboren mit einem Gewicht von schätzungsweise 1000 Gramm – natürlich zuhause und ohne ärztliche Hilfe. Die Familie hatte kein Geld für ein Krankenhaus. Doch die Kleine ist so eine Kämpferin. Sie ist nun bereits 7 Wochen, immer noch kleiner als ein normales Neugeborenes aber sie macht sich super!

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ein kleines Wunder

Ja ansonsten spielt das Wetter hier ein wenig verrückt. Vor zwei Wochen hatten wir Hagel, ja richtigen fetten Hagel ! Das war für die Schüler ein Highlight und für mich erstmal, wir wussten gar nicht was geschieht. Doch natürlich blieb das Ganze nur eine halbe Stunde liegen. Aber mit dem matschigen Eis haben wir eine Eisschlacht gemacht, das waren Heimatgefühle (auch wenn es natürlich mit T-Shirt und in der Sonne was anderes ist)!

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Nachdem es die letzten Wochen brütend hochsommerlich heiß war, befinden wir uns nun in der kleinen Regenzeit, die etwa 4-6 Wochen andauern wird. Das tut den Temperaturen nichts zur Sache, aber die Sonne strahlt nur bis Nachmittag, dann setzt heftiger Regen ein. Gut, dass ich Gummistiefel habe! Der Regen ist sowieso ein Mysterium für mich. Mir wurde mehrfach erzählt, dass Regen am Vormittag nicht möglich ist. Ich glaube daran nicht und wüsste auch keine Begründung, muss aber zugeben, dass ich noch KEIN einziges Mal in den letzten 9 Wochen Regen vor 14 Uhr erlebt habe 😀
Dafür freue ich mich umso mehr auf die anschließend kommenden wärmsten Monate und die einhergehenden ersten Ferien!
So, mensch das war schon wieder viel zu viel 😀

Passt gut auf euch auf, die amerikanisch-deutsche-kenianische Hannah

 

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die kenianische Farmerin

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amerikanischer Touch durch Melanie

 

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oder einfach nur die sportliche deutsche Hannah, wie ihr sie kennt 🙂

9 Kommentare


  1. Super toller Bericht von dir. Wir freuen uns jedes Mal, was von dir und deinen Eindrücken in Kenia zu hören- es ist also alles HANKUNA MATATA. Liebe Grüße aus dem herbstlichen Cottbus- immerhin 16°c

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  2. Es ist immer wieder toll deine Geschichten zu lesen ❤️
    Hat Melanie eigentlich auch ein Blog??

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      1. Für deinen spannenden Bericht. Habe ich auch heute mit großem Interesse gelesen. Dein verstorbener „Grosscousin“ hatte 2 Frauen? Ja, die Familienstukturen wären ein Extrathema wert.
        Behalte deinen frohen Mut!
        Gabi

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  3. Liebe Hannah,

    es ist wunderschön von dir zu lesen. Genieße die Zeit in vollen Zügen und tue einfach das, was du selbst beschrieben hast: Lebe deinen Traum! Mit einer gewissen Wehmütigkeit ganz liebe Grüße in Ferne!

    Jakob

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  4. Waahnsinn! Liebe Hannah!
    Danke, dass du uns an deinen Erlebnissen teilnehmen lässt! Es ist toll von dir zu lesen. Irgendwie taucht man mit ein, in das was sich gerade bei dir ereignet. Bleib, wie du bist und nimm soviel von dieser doch so anderen Welt auf, wie du kannst!
    Bleib behütet!

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  5. Liebe Hannah, es ist schön, von Dir zu lesen und an Deinem Leben teilhaben zu können. Wir können alle daraus nur lernen, sorgsam mit dem umzugehen, was wir haben und unsere „Wohlstandsprobleme“ für das zu nehmen, was sie sind, Probleme einer gut situierten und reichen Gesellschaft. Unser Reichtum liegt aber in unserer Bildung und der Gesellschaft, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit, das müssen wir uns auch immer wieder vor Augen führen. Ich hoffe, dass Du viele Gelegenheiten wirst, dafür zu wer
    ben, dass dies auch in Kenia gelingen wird.
    Liebe Grüße Christian

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