Schule, Unterricht und Aufklärung

Ihr Lieben,
heute (14.05.) ist Himmelfahrt. Doch anstatt auf dem Fahrrad zu sitzen, liege ich gerade im Bett, es regnet monsunartig und ich lausche den dicken Tropfen auf dem Wellblechdach. Die beruhigende Geräuschkulisse nutze ich mal für den nächsten Blogeintrag – die letzten Wochen in der Schule.

So begann also wieder der Schulalltag und der zweite Term. Die Freude unter den Schülern war groß. Am ersten Tag trudelten erstmal so langsam alle ein, ehe es dann am Dienstag mehr oder weniger richtig startete. Seit Anfang diesen Jahres habe ich ja deutlich mehr Unterrichtsstunden durch das neue Fach „Life Skills“ – somit habe ich etwa 6 Einheiten am Tag und kaum Langeweile. In den Freistunden verkrümel ich mich meist hinters Haus, lese oder bereite den nächsten Unterricht vor.

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Mit den Lehrern komme ich nachwievor gar nicht klar. Auch jetzt nach den Ferien fragte keiner nach, wie es mir ginge oder was ich unternommen habe. Meine Fragen an sie werden weitestgehend ignoriert. Vorallem die Direktorin hat nochmal einen Zacken Bosheit draufgelegt. Aber das stört mich nun auch nicht mehr. Dafür ist die Zeit mit meinen Schülerinnen umso toller und entspannter. Der Unterricht hat mir glaube noch nie so viel Spaß wie in den letzten Wochen gemacht.

Da dies mein letzter Artikel über meine Arbeit in der Schule sein wird, werde ich nochmal etwas ausführlicher.
Von Anfang an war mir ja der P.E.-Unterricht der kompletten Schule zugeteilt. Das heißt Sport mit den Klassen 1 – 8. Mit den jüngeren Mädchen spiele ich in der Regel nur Spiele – Fußball und andere Ballspiele, Wettrennen etc. Die Kommunikation ist hier einfach schwierig für mich und komplizierte Sachen kann ich nicht erklären. Außerdem sind es kleine Kinder, mit denen kann man ruhig einfach nur spielen. Hauptsache ist ja, dass sie sich bewegen. 🙂

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Mit den vier großen Klassen kann man hingegen so einiges anstellen, da auch ihr Englisch ausreichend ist, um komplizierte Anweisungen zu erfassen. Ich kann mich noch sehr gut an die ersten Stunden im September erinnern und wie ich mir die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen habe 😀 Die Kinder hatten bis dato weder von einem Liegestütz noch einem Sit-Up gehört. Wir hatten also einiges vor. Nunja und jetzt denke ich an meine heutige Stunde mit Klasse 7 und könnte vor Stolz auf die Mädchen platzen. Mit Ausnahme von zwei Mädchen schafft es die ganze Klasse, 20 Liegestütze zu machen. Ruth schafft sogar 33! Neun Monate wöchentliches Training haben sich rentiert. Sit-Ups sind auch kein Problem mehr, Kopfstand kann beinahe jeder (sogar die ganz Kleinen) und im Handstand werden sie auch besser. Laufeinheiten sind leichter zu schaffen und beim Fußball bewegt sich nicht mehr so nen Knoten von Mädchen von einem Punkt zum Anderen, sondern das Spiel hat Taktik gewonnen. Alles in allem – die Mädchen haben sich unglaublich gut gemacht.

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eingespieltes Fussballteam

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Nyaweta, Klasse 1

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Bruecke

Dann habe ich außerdem seit September das Fach „Creative Arts“ – also Musik und Kunst. Anfangs fiel es mir schwer, Zeichnen zu unterrichten. Zum einen weil ich selbst einfach eine Niete in Kunst bin und die Schüler manchmal besser malen als ich, aber auch weil die Kinder nur nen Kugelschreiber zum Zeichnen hatten. Und naja wenn dann im Stoff schraffierte Schatten dran sind – macht sich schwer. Also habe ich zuerst meist Musik gemacht. Notenlehre, Lieder aus dem Schulbuch analysieren und so die Sachen, die man bei uns auch in der Grundschule lernt. Ich habe den Kindern einige einfache englische Lieder beigebracht, doch sie hatten viel mehr Spaß darin, mir Lieder beizubringen. 😉 Dann sendete mein Patenonkel mir weißes Papier und ich bekam von Vati und Jasper ganz viele Buntstifte mitgebracht. Die Motivation für den Kunstunterricht war geboren. Und schnell wurde ich überzeugt – die Kinder haben einen riesigen Spaß beim Malen. Manche Kinder haben vorher noch nie mit Farben gezeichnet. Da der Kunststoff nirgendwo prüfungsrelevant ist, halte ich mich auch nur mehr oder weniger an die Lehrbücher. Zumal ich da auch nur je zwei für die ganze Klasse habe. Oft gebe ich einfach ein Thema vor, zu dem die Kinder was malen sollen und danach vor der Klasse ihre Gedanken zu äußern und warum sie was gemalt haben. Manchmal kommt eine Klasse auch zu mir und fragt, ob sie etwas bestimmtes zeichnen dürfen. Bei der Sache bin ich echt offen und lass die Kinder gerne nach ihren Wuenschen Kunstwerke erschaffen.

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Und dann neu dazugekommen Anfang des Jahres ist Life Skills.Viele von euch können sich darunter sicher nichts vorstellen, konnte ich anfangs auch nicht. Übersetzt heißt es Lebensfähigkeiten und man bereitet die Schüler aufs Leben vor, quasi Aufklärungsunterricht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt schonmal groß was dazu im Blog geschrieben habe, ich glaube eher nicht. Nunja wenn ich mir die Schulbücher anschaue, dann müsste ich dem Schlagen in der Schule zustimmen, Homosexuelle verachten, Sex als Tabu-Thema sehen und mich selbst (also als Weisse) als reiche und bessere Person hinstellen. Das alles widersetzt sich meinen Ansichten und so unterrichte ich größtenteils genau das Gegenteil. Dies führte auch zu Diskussionen mit der Direktorin. Ích habe ihr meine Meinung zu den Themen gesagt und wie ich es unterrichten möchte. Sollte sie damit nicht einverstanden sein, so würde ich den Life Skills Unterricht nicht übernehmen. Damit hatte sich die Sache gegessen und sie lässt mich die Stunden frei gestalten.
Im Unterricht setze ich mich gegen Rassismus, Diskriminierung, Schlagen und Homophobie ein. Ich rede mit den Kindern über Sex, Verhütung und Schutz vor Vergewaltigung. Bei einigen Themen wie dem Schlagen konnte ich von Anfang an gut mit den Kindern reden. „Es tut weh“, „oft ohne Grund“ „manchmal tun mir meine Arme tagelang weh“ – nur einige derAussagen, die mich erschaudern lassen. Doch auf die Frage, ob sie ihre eigenen Kinder auch schlagen werde, kommt ein einstimmiges JA!
Bei den Themen rund um Sex und wie man sich schützt, ist es schwierig die Kinder überhaupt zum Reden zu bekommen. Es ist ein Tabu-Thema und dementsprechend beschämt schauen sie auf den Boden. Das macht es für mich unglaublich schwierig, richtige Gespräche sind kaum möglich.

DOCH und da bin ich auch echt ein wenig stolz auf mich, habe ich das Gefühl beim Thema Diskriminierung echt was bei den Kindern erreichen zu können. Auf dieses Thema stütze ich mich von daher auch am meisten. Im Grunde genommen versuche ich beizubringen, dass jeder anders ist und auf seine Art und Weise einzigartig. Aber doch sind wir alle nur Menschen.
Ich merke, dass meine Schülerinnen sich wirklich Gedanken über meine Worte machen und sie verstehen.
So erlebte ich beim Gang durch Manga, dass Kerubo (Klasse 7) andere Kinder auf ihrer Sprache ausschimpften, weil sie bereits das zehnte Mal ´Mzungo´ schrien. So wurde mir bewusst, wie Elisabeth (die einzige Behinderte in unserer Schule) plötzlich viel mehr integriert ist. Sie hat noch nie Sport mitgemacht, hat sich geschämt wegen ihrer verkrüppelten Hand und ihrem Hinken. Doch in eine der letzten Sportstunden nahmen sie zwei Mädchen zwischen sich, stützten sie und rannten mit ihr gemeinsam ins Ziel. Alle applaudierten und Elisabeth strahlte über beide Ohren. Sie wurde oft gemieden, doch nun gehen alle offener mit ihr um – es ist doch nur ein Handycap, deswegen ist sie doch nicht doof. Elisabeth ist fröhlicher geworden.

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Am Interessantesten ist es, wenn ich über Homosexualität rede. Ein schwieriges Thema hier ine Kenia – gerade in den letzten Wochen erschienen wieder vermehrt Hetzaufrufe gegen Schwule und Lesben in den Zeitungen. Auch die Mädchen reagierten dementsprechend abweisend – das ist eklig, falsch, unnatürlich und Gott verbietet es.
Ich selbst bin ja heterosexuell, aber schon lange durch viele homosexuelle Freunde in der Thematik drin. Es ist mir wichtig, mit den Kindern darüber zu reden und ihnen zu zeigen, dass sie auch nur normale Menschen sind. Nach anfänglicher Schüchternheit wurden immer mehr sehr konkrete Fragen gestellt und mir wurde bewusst, dass die Kinder gar nicht unbedingt was dagegen haben, sondern einfach nur unwissend sind. So gestaltete ich eine ganze Unterrichtseinheit nur mit der Frage von Debborah „Wie sehen Homosexuelle denn aus?“ – mir wurden Monster und Aliens beschrieben. Also brachte ich Bilder meiner Freundesgruppe mit und fragte, wer von ihnen gleichgeschlechtlich liebt. – Niemand, alle sehen normal aus. Natürlich, Homosexuelle sind ja auch normal – das darauffolgende Pärchenbild zweier Freundinnen von mir, wo sie sich küssen, brachte sie ins Staunen.

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Teacher Hannah im Unterricht

Das nur mal so als Auszug von dem, was ich mit den Kindern in Life Skills mache. Hier habe ich das Gefühl, echt viel erreicht zu haben.
In einer meiner letzten Kunststunden war die Aufgabe „Male etwas, was du von Madame Hannah gelernt oder mit ihr gemacht hast“. Viele zeichneten das Fußballspielen, eine das Schuhprojekt (weil sie auch ein Paar auf dem Markt bekam) und andere wie ich an der Tafel stehe und unterrichte. Und dann gab es noch richtig tolle Ergebnisse wie zwei Mädchen, die sich küssen und als Überschrift ´Love is Love´ oder mich und sie Hand in Hand mit der Überschrift ´we are the same´.
In solchen Momenten bin ich unglaublich stolz, dass ich etwas bei den Kindern erreicht habe und mit einem guten Gefühl nach Hause gehen kann 🙂

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LOVE IS LOVE

Und dann plante ich noch ein Abschlussprojekt. Der Raum der Klasse 3 und gleichzeitig Zimmer für etwaige Feste, sah schlimm aus. Sehr heruntergekommen. Also habe ich Farbe gekauft und wollte den Raum neu gestalten. So habe ich in der letzten Woche Tag für Tag die Wände neu gestrichen. In den Freistunden und der Mittagspause alleine, nach der Schule mit freiwilligen Schülern. Ich habe mir alte Sachen angezogen, laut Musik angemacht und dann malerten wir laut trällernd die Wände – das hat Spaß gemacht. 🙂

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so sah es vorher aus

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es geht los

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aus alt mach neu

Doch das war alles nicht so easy wie gedacht – die schwarzen Flecken haben wir erst nach viermal überstreichen passabel wegbekommen. Außerdem hat es die Tage echt heftig geregnet. Sowohl die Fenster als auch das Dach sind nicht immer so stabil und uns ist mehr als nur einmal die frische Farbe wieder runtergelaufen.

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der Regen ist echt heftig die Tage

Doch am Ende haben wir es geschafft 🙂

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Nun der für mich wichtigere Part – das Ganze sollte auch etwas aus dem Life Skills Unterricht mitnehmen und so gestalteten wir einen Teil der Wand mit einer Message aus dem Unterricht. „Stopp dem Rassismus! Liebe ist keine Kriminalität! Stopp der Diskrimierung! Wir sind alle nur Menschen!“ und dann hat jeder Schüler seinen Handabdruck verewigt.

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ich habe danach noch etwas nachgebessert, aber ansich ist es die Freihand-Arbeit der Kinder

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gleich gehts los mit den Abdruecken – die Aufregung is gross

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die Haende werden eingepinselt!

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und LOS GEHTS!

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das Endergebnis!

So haben wir den Klassenraum verschönert und gleichzeitig ein Motto gesetzt. Die Lehrer waren übrigens von der Idee sehr begeistert 😉

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nochmal im Vergleich

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vorher

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nachher

Ich will nur kurz anmerken, dass ich niemandem meine Meinung aufdränge. Im Unterricht verurteile ich keine Ansichten und akzeptiere es, wenn jemand nachwievor sagt, dass es eklig ist oder so. Ich überrumple die Schüler nicht oder zwinge sie zu einer Meinungsänderung. Wir führen offene Gespräche und Diskussionen und ich probiere lediglich, den Schülern zu zeigen, dass wir doch alle nur Menschen sind. Egal woher wir kommen, wie wir aussehen oder wen wir lieben! 🙂

Ja soviel dazu, es regnet immer noch 🙂 Das Wetter hier finde ich immer noch beeindruckend. Am Vormittag ist es ausnahmslos kochend heiß, man wird schnell braun und schwitzt und dann ziehen manchmal Nachmittag so dicke Wolken ran und es prasselt so monsunartig wie jetzt 🙂

In diesem Sinne, bleibt behütet!
Hannah

10 Kommentare


  1. Liebe Hannah,

    wow, dieser Artikel über deine Arbeit klingt ja sehr interessant. Bis wann wirst du denn in Manga sein? Wann landest du in Deutschland? Hast du noch etwas Zeit mit deiner Freundin, um dich zu verabschieden?

    Wir wünschen dir einen guten Flug und genug Zeit und Ruhe zum Ankommen in Deutschland. Über einen Besuch deinerseits bei uns freuen wir uns natürlich.

    Viele Grüße.

    Deine Dore

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    1. Liebe Dore,
      danke dir. Ich werde bis kommende Woche in Manga sein und am Samstag, den 23. Mai in den Flieger steigen.
      Ich vermute, du meinst Melanie? Ja, die werde ich naechste Woche noch in Nairobi treffen 🙂
      Ich werde sicher in den kommenden Wochen mal bei euch vorbeischauen. Wir hoeren uns.
      Bleibt behuetet, Hannah

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      1. Liebe Hannah,

        dann wünschen wir dir am 23. Mai einen guten Flug. Richtig, ich meinte Melanie – schön, dass ihr euch noch sehen könnt. Ich wünsche mir für euch, dass es nicht das letzte Wiedersehen gewesen ist.

        Melde dich einfach, wenn du gelandet und wieder etwas angekommen bist. Wir sind gespannt, wo es dich dann im Herbst hinverschlägt und hoffen natürlich insgeheim, dass du nach Dresden kommst (einen kleinen studentischen Aushilfsjob können wir schon heute anbieten ;-)!).

        Alles Liebe,

        Dore und Co.

        Antworten

  2. Liebe Hannah, das ist mal wieder ein sehr beeindruckender und berührender Bericht und auch wenn du etwas eher zurück kommst, so doch mit vielen, vielen Erfahrungen, die dich reicher machen und die für uns hier doch kaum vorstellbar sind – toll, dass du dieses Abenteuer gewagt hast und wir teilhaben konnten! Dann bis bald mal wieder und sei ganz lieb gegrüßt von Anja und Familie.

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  3. Krass, dieser Artikel hat mich echt umgehauen. Wenn es überhaupt das richtige Wort ist, ich bin stolz auf Dich. Das berühmte Samenkorn: bei einigen Kindern in einem riesigen Land hast Du Denkanstöße gegeben, die hoffentlich lange über Dein Dortsein in Ihnen nachhallen.
    Vielleicht hast Du ja doch Lust auf ein Studium als Grundschulpädagogin- eine bessere Visitenkarte als Dein Wirken in Manga brauchst Du wohl nicht.

    Viele Grüße
    Stephan

    Antworten

  4. Liebe Hannah,
    das ist mal wieder ein sehr beeindruckender und berührender Bericht! Und auch wenn du etwas eher zurück kommst, so doch mit vielen, vielen Erfahrungen, die dich reicher machen und die für uns hier doch kaum vorstellbar sind – einfach toll, dass du dieses Abenteuer gewagt hast und wir teilhaben konnten!
    Dann bis bald mal wieder in Deutschland und sei ganz lieb gegrüßt von uns allen!
    Anja und Familie
    (2. Versuch, hier einen Kommentar zu hinterlassen, den ersten kann offenbar nur ich lesen;-))

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    1. Jeder Kommentar von einem Benutzer, der vorher noch keinen geschrieben hat (und damit als vertrauenswürdig gilt), muss erst genehmigt werden und da hab ich wohl einfach geschlafen beim Freigeben :-).
      Jetzt sind beide online.

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      1. Danke Kilian, hatte schon an mir gezweifelt;-)!
        Liebe Hannah, alles Gute für die letzten Tage!

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