Einleben

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Die Wochen vergehen und ich lebe mich ein …
So möchte ich euch gerne an meinem Alltag teilhaben
lassen.
Mein Tag beginnt jeden Morgen um halb sechs, wenn mein Wecker mich mehr oder weniger unsanft weckt.

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so verhasst und doch geliebt, wenn mir herrliche 32 Grad am fruehen Morgen angezeigt werden 😀

Ich stehe meist viel früher auf, als ich es müsste, bin jedoch stets die Letzte die aus den Federn kriecht. Schon in den frühen Morgenstunden gibt es einiges zu tun – Tee kochen, Kühe melken und alle paar Tage meine Wäsche waschen per Hand. Das morgendliche Duschen kann man sich wie folgt vorstellen: Eine Schüssel meist kaltes Wasser in unsere „Duschecke“ zwischen Küche, Ziegen und Kuhstall stellen und mit Waschlappen im Stehen waschen.
Gegen 7.20 Uhr starte ich dann zur Schule – 40 min laufen. Das kann echt nervtötend sein, aber die Landschaft ist wundervoll zu betrachten bei aufgehender Sonne. Außerdem gilt es, gefühlte hundert Hände auf dem Weg zu schütteln und Kindern zuzuwinken.

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8 Uhr beginnt dann die Schule oder sagen wir, sollte sie beginnen. Ein langer Arbeitstag schließt sich dem an (siehe Beitrag „Manga Girls Primary School“).

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Zwischen 16 und 17 Uhr verlasse ich dann das Schulgelände. Auch wenn das mehr als schwer ist, da man kaum gehen gelassen wird. Die Kinder betteln geradezu um Unterricht bei mir (Oh Gott freiwillig Unterricht, was ist bloss falsch. Das kenne ich gerade mal vom Sportunterricht am OSZ und da war Judo einfach amazing!). Doch ich habe lediglich drei Minuten zur Secondary School zu laufen, wo die Mitfreiwillige Melanie bei einem Lehrer wohnt. Mit ihr und oft auch mit unserer Babyschwester Angela im Tragetuch machen wir uns taeglich auf den Weg zum naheliegenden Markt, wo das Dorfleben spielt. Hier treffen wir auf viele Kinder, mit denen wir täglich spielen, tanzen und lachen. Das ist bereits so zur Tradition geworden, dass die Kleinen schon sehnlichst warten oder uns sogar abholen.

 

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Gegen 19 Uhr bin ich dann wieder zurück in meiner Gastfamilie. Beim gemeinsamen Kochen überm Feuer wird viel gelacht, Erfahrungen ausgetauscht, Bilder gezeigt und gequatscht. Nach dem Abendessen wird dann noch die letzte anfallende Arbeit wie Geschirr waschen und Tiere einsperren erledigt und dann heißt es Nachtruhe und Kraft tanken für den nächsten spannenden Tag.

 

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Bohnen aussortieren – Feeling like Aschenputtel

 

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Waesche waschen

 

So verläuft eigentlich jeder Arbeitstag. Die letzten Wochenenden habe ich sehr unterschiedlich verbracht. Das erste Wochenende war ich zuhause und habe beim Bohnen ernten und Samen sääen geholfen. Das anschließende Wochenende war ich in Nairobi – einige Dinge mussten angeschafft werden, ich habe mich mit anderen Freiwilligen getroffen und wir haben es uns mit westlichem Essen und Party-Besuch so richtig gut gehen lassen. Die letzten zwei Einheiten freie Tage habe ich erst bei Melanie zuhause und sie dann bei mir verbracht. Es tut gut, hier in Kenia zwei Familien zu haben, die einen lieben. Manchmal ist es kaum vorstellbar, dass Melanie und ich uns erst seit sechs Wochen kennen, so eng ist die Bindung bereits.

 

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meine zweite Familie: Melanie und Phillis, sowie unsere Schwester Angela

 

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Melanie und ich mit dem Bruder meines Vaters

Diesen Samstag haben wir in Migori den Geburtstag eines Mitfreiwilligen gefeiert und sind am Samstag für einen Tagestrip nach Homa Bay zum Lake Victoria – der drittgrößte See der Welt. Es war traumhaft!

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Im Großen und Ganzen geht es mir ganz gut hier. Mein Körper realisiert nun auch langsam, dass er nicht mehr in Deutschland ist und zeigt einige Probleme wie Bauchschmerzen, gelegentliches Fieber und nicht weggehender Husten. Aber das sind eher Kleinigkeiten!
Desto mehr ich mich einlebe, desto stärker merke ich, mit welchen Sachen ich schon sehr gut klarkomme und mit welchen nicht. Stimmungsschwankungen hallo 😀
So hat sich die ganze Sache mit dem Essen sehr gewandelt. Wo ich anfangs wirklich täglich Hunger hatte, bin ich nun am Essen wie ein Schlot. Nachdem ich die ersten zwei Wochen deutlich abgenommen habe, esse ich nun zum Frühstück oft Reste des Abendbrotes. Dann die Pause in der Schule mit Tee und Weißbrot, zum Mittag wird neuerdings in der Schule Essen gekocht – meistens Ugali mit Spinat oder Unkraut. Nach der Schule bekomme ich famoses Essen wie Chapati, Reis oder Pasta bei Melanie und zum Abendbrot wieder Ugali mit Grünzeug. Mal ganz abgesehen von den Süßigkeiten und Pommes, die sich Melanie und ich ab und zu gönnen. So wird mein Bauch von Tag zu Tag voller – da bin ich ganz froh, dass ich soviel Sportunterricht habe und meinen Körper nicht ganz im Stich lasse mit dem vielen Essen. Auch stimmt es, dass sich der Mensch an vieles gewöhnt. Am Anfang noch verhasst, fange ich an, Ugali inzwischen wirklich zu mögen! 🙂

Das vorletzte Wochenende wurde leider durch etwas Tragisches überschattet. Mein Hund Bruno ist qualvoll gestorben. Kurz bevor ich in meine Familie gekommen bin, haben sie einen kleinen Welpen bekommen, den ich direkt in mein Herz geschlossen habe. Nachdem ich ihm einen Namen gegeben habe, wurde er kurzum mein Hund, Freund und Begleiter. Jeden Tag wurde ich schlabbernd begrüßt und beim abendlichen Kochen hat er es sich immer auf meinem Schoß gemütlich gemacht. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, habe ich mich oft raus zu ihm gelegt, wir haben kuschelnd in den Sternenhimmel geschaut und ich habe ihm von zuhause erzählt. Umso schrecklicher war es für mich, ihn so leiden zu sehen. Am Mittwoch hat er aufgehört zu essen und zu trinken und bekam Schaum vorm Mund. Der Verdacht von Tollwut hat sich dann am Samstag bestätigt, als Melanie und ich nichts anderes tun konnten, als ihn zu beruhigen, wenn er Attacken hatte. Die letzte Nacht durfte er dann bei mir mit im Zimmer schlafen, wo er nach qualvollen Stunden seinen letzten Atemzug gemacht hat. Es ist für Außenstehende kaum vorstellbar, doch wenn man in einem fremden Land mit fremden Menschen ist, bindet man sich unglaublich schnell an Menschen und eben auch Tiere, die es gut mit einem meinen. Doch für die Menschen hier sind Hunde niedriger gestellt als Kühe oder Ziegen. So wurden Melanie und ich dafür ausgelacht, dass wir geweint haben – was echt demütigend ist!
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Eine zweite Sache, die sehr an unseren nicht-kenianischen Nerven zehrt, ist der Umgang mit den Kindern und deren Armut. Wie im letzten Artikel schon geschildert, werden die Kinder in der Schule stets und ständig mit Metallrohren geschlagen, bis sie vom Heulen heiser werden. Das ist hier ganz üblich, auch in meiner Gastfamilie musste ich es schon erleben. Und dann die kleinen Kinder beim Dorfmarkt – jeden Tag gehen wir sie besuchen und spielen mit ihnen. Leider können wir uns nicht mit ihnen verständigen, da sie Egekisii und andere der 42 kenianischen Sprachen sprechen. Doch das tut nichts zur Sache. Die Kinder merken, dass wir es gut mit ihnen meinen und geben Melanie und mir soviel Liebe zurück. Sobald wir einen Schritt aus der Tür raussetzen, hören wir die Rufe „Mazungo“ (Weiße). Man möchte meinen, nach ein paar Wochen würde es aufhören, denn schließlich kennen sie uns ja nun schon. Aber ich glaube ein Alien würde weniger Aufmerksamkeit erregen als zwei weiße Mädchen! 😀

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So gibt es regelrecht Streit um unsere Hände und wer sie halten darf. Auch unsere Haut und vorallem die Haare sind jeden Tag aufs Neue interessant – könnte ja sein, dass sie sich anders anfühlt, lieber nochmal ausprobieren! 🙂

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Eine Familie haben wir ganz besonders ins Herz geschlossen. Umso erschreckender war es für uns, letzte Woche das Zuhause der Kinder gezeigt zu bekommen. Unsere bezaubernden Kids leben zwischen Dreck und Schlamm in einem kleinen Raum. Kleiner als unser deutsches Badezimmer, nichts weiter als ein Bett darin und bewohnt von der Mutter mit sechs kleinen Kids, inklusive Baby.

 

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vier Kinder unserer ganz besonders lieb gewonnenen Familie: Melanie mit Yanis und Jemima (Schoss), ich mit Alice (gelb) und Nyaweta (mit meiner Jacke)

 

Die meisten Kinder haben keine Schuhe und nur ein zerrissenes dreckiges Kleid … Dreijährige, die ihre Babygeschwister den ganzen Tag rumtragen müssen Man möchte sie am liebsten alle einpacken, duschen, Essen und Kleidung geben.
Doch sie sind glücklich – wirklich! Wenn ich da mal an die deutschen Kinder denke, die alles und mehr haben- sie strahlen keine so crasse Freude aus. Die Mentalität der Kenianer gefällt mir sehr, denn man bekommt alles zurück, was man gibt. Solange ich freundlich, fröhlich und ehrlich jedem begegne, schließt mich jeder in sein Herz. Wenn man den Kindern einfach nur etwas Aufmerksamkeit und Zeit schenkt, ist einem immerwährende Liebe und gute Laune gewiss.

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Melanie in der Schar der Kinder
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afrikanische Frau
Im Großen und Ganzen fuehle ich mich hier wohl. Und auch wenn ich manchmal schwere Momente habe … ich bereue es absolut nicht, in Kenia zu sein. Es war mein Traum hier zu sein und es ist das Beste, was ich hätte machen können !!!

Heimweh habe ich bisher selten, es ist eher unvorstellbar für mich, dass ich schon fast zwei Monate hier bin. Und in manchen Momenten wie mit den Kids hüpft einfach das Herz vor Freude und ich fuehle mich hier genau richtig am Platz.

So liebe ich das Piki Piki (Motorrad)-Fahren. In Manga kommt man nur auf diesem Wege vom Fleck. Und durch diese herrliche Landschaft, die uns umgibt, zu cruisen, ist das tollste Gefühl überhaupt. Und der Sternenhimmel – Oh Gott ich liebe ihn! So unendlich viele Sterne habe ich noch nirgends gesehen.

Mit meiner Familie läuft die Kommunikation immer besser und es ist oft sehr lustig. Es sind diese kleinen Momente, die mich unglaublich zum Lachen bringen.  Ob über lustige Tattoo-Motive oder Nachahmen von Tiergeräuschen. Oder wenn ich nach einer Schaufel frage, um ein Loch zu graben und mir ein Loeffel gereicht wird, wenn es mich bei saurer Milch und meine Geschwister bei Kaese schuettelt. Oder wenn mir eine Kuh einfach mal auf die Gummistiefel kackt, waehrend ich sie einsperren will. Achja und letzte Woche sind sieben kleine Kuecken unter meinem Bett geschluepft :`D

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Ich mag meine Familie wirklich  sehr, vorallem meine kleinste Schwester Marion. Auch wenn sie manchmal echt nervtötend sein kann, wie mit Fragen „Gibt es in euerm Land auch Fliegen“. Aber sie ist so knuffig, man kann ihr nichts Boeses 🙂

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Marion und ich mit Seifenblasen
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Mutter Jacky werden die Haare von Sheila gemacht

Ansonsten das Wetter ist bombe !!! Ich habe gehoert in Deutschland ist der Herbst im Anmarsch. Also hier gibt es keinen Tag ohne Sonne und die Temperaturen liegen zwischen 25 und 35 Grad. Es regnet alle paar Tage, aber fast immer nachts. Braun werden ist angesagt! 🙂

In diesem Sinne erstmal Schluss mit Schreiben. Die Erfahrungen hier sind einfach so unglaublich – man koennte noch so viel mehr schreiben. Umso mehr freue ich mich, dass Vati und Jasper aus Deutschland zwei Wochen ueber meinen Geburtstag naechstes Jahr kommen werden. Denn zeigen und erleben ist etwas anderes als Erzaehlen 🙂

Bleibt behuetet und gesund,
die immernochgleiche Hannah 🙂

September Kenia (157)

3 Kommentare


  1. Hannah, es ist wirklich besser als jedes Buch! Bleib auch du behütet. LG von uns allen

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  2. „die immernochgleiche Hannah“- was zu bezweifeln wäre schon nach diesen zwei Monaten. Wir sind beeindruckt, in welchem Tempo Du all das Neue in Dich aufnimmst und Dich in Manga einlebst.
    Offenbar färbt ganz schön viel Lebensfreude ab- was für ein Bild von Aschenputtel inmitten der Bohnen. Wir zeigen Deine Beiträge den Kindern in der Hoffnung sie werden dankbarer und friedlicher in all ihrem Wohlstand und elterlicher Fürsorge.

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  3. Liebste Cousine,

    sitze hier in der Bibliothek und werde gleich zu Noah radeln und: Habe gerade noch ein bisschen deinen Blog gelesen. Danke, dass du das mit uns teilst.

    Alles Weitere, was mich noch bewegt, wenn ich das lese (und was uns an Erfahrung nun verbindet), schreib ich dir mal via Gmail. *g*!

    Ich denke viel an dich und beneide dich ein wenig darum, dass du gerade in Kenia sein kannst: Einfachheit kann manchmal so gut tun…

    Ich drück dich fest – was hörst du eigentlich gerade in Kenia für Musik?

    Deine Dore

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