Warum ich in Deutschland bin – ein Versuch der Erklärung

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Hallo meine Lieben,

nun ist schon wieder so viel Zeit seit meinem letzten Blogeintrag vergangen. Inzwischen hat sich viel getan und wie die meisten ja wissen, bin ich im Moment in Deutschland.
Doch fangen wir von vorne an.

Nachdem sich Vati und Jasper am 06. Februar auf den Weg in die Heimat machten, startete für mich wieder der Alltag und die Schule.

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ein letztes Bequatschen der Regeln für das folgende Spiel

Doch nun hatte sich die Situation zuhause erheblich geändert. Melanie hat ihr Projekt gewechselt und lebt nun in Nairobi. Außerdem leben nun alle meine Gastgeschwister in der Schule (außer Sheila). Marion geht jetzt auf diese spezielle Privatschule und Brian sowie Agnes haben das Alter erreicht, in dem man verpflichtet ist, in der Einrichtung zu bleiben. Das ist landesweit vorgegeben und soll die Lernzeit maximieren. Eine in meinen Augen sinnfreie Regelung, denn bessere Ergebnisse werden nicht erzielt, die Schüler müssen nun auch nach Unterrichtsschluss alles für die Lehrer machen und es kostet mehr Geld. Außerdem ist Brian und Agnes´Schule nur zehn Minuten entfernt, aber sie dürfen dennoch nur in den Ferien nach Hause. Naja und Yvonne ist ja ohnehin in einem Internat.
Das heißt, ich bin täglich mit Sheila und Jacky alleine. Da Sheila aber fast kein Wort Englisch spricht, wird zuhause nur noch Egekisii geredet, was mich wieder sehr ausschließt.
Zudem hat Philes ihren Job als Krankenschwester in Manga hingeschmissen, da sie kein Geld ausgezahlt bekommen hat. Innerhalb von Stunden kamen Domenic und Philes auf die Idee, einen Shop zu eröffnen. Also einkaufen gegangen, einen Karton-Laden gemietet und zwei Tage später ging der Verkauf los. Das System dieser Shops werde ich wohl nie verstehen. Allein in unserem 100 m – Markt gibt es an die 30 Shops, die ausnahmslos das Gleiche verkaufen: Cola, Waschpulver, Seife, Mandazi, Lutscher etc. Wie da Gewinn rausspringt … wahrscheinlich kaufen sie sich alles nur gegenseitig auf.
Zumindest befindet sich Philes nun von früh 7 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit mit Angie im Shop. Nach Schulschluss habe ich die Kleine dann abgeholt und mit ihr im Haus gespielt, damit sie nicht den ganzen Tag aufm Markt ist.

Naja diese ganzen Faktoren spielen also nun zusammen und sorgen dafür, dass ich unglaublich viel alleine in Manga bin.

In der Schule haben sich die Lehrer ja noch nie wirklich um mich geschert. Mir werden nur Aufgaben mitgeteilt, die letzte richtige Unterhaltung mit einem der Kollegen ist schon Monate her. Es wird einfach nicht zugehört oder Fragen werden ignoriert. Deshalb ziehe ich die Unterrichtsstunden schon immer sehr lange, damit ich noch ein bisschen Quatsch mit den Mädels machen kann. Vorallem im Kunst- und Sportunterricht gehe ich besonders auf. Die Kinder haben bei den Übungen so einen Spaß und lieben es, mit den Buntstiften zu malen (Danke nochmal an diese Spende!). Vorallem wenn wir dann drüber kichern, wie ich vorne Skizzen ranzeiche und die Schüler es dreimal besser hinkriegen 😀
In den Pausen kann ich ja nun nicht mehr zu Melanie gehen, sodass ich meist hinterm Haus in der Sonne sitze und lese oder Tagebuch schreiben. In das Lehrerzimmer  begebe ich mich wirklich nur noch zum Essen, ansonsten deprimiert das nur, wie mich einfach keiner bemerken will.

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Quatsch mit den Mädels

Nach der Schule treffe ich nun auch in Melanies Haus niemanden mehr an. Domenic ist in der Schule arbeiten und Philes im Shop. Also hole ich Angela und spiele mit ihr. Meist schläft sie am Spätnachmittag nochmal ne Stunde und in der Zeit gucke ich irgendwelche Filme oder lege mich zu ihr dazu.

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Taschentücher zerfetzen macht Spaß

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Den Abend verbringe ich dann mit Jacky und Sheila. Aber da sie ja nicht mehr wirklich Englisch reden, sitze ich eigentlich immer nur still daneben. Es ist sehr still im Haus geworden, seit meine Geschwister nicht mehr da sind. Meist hocke ich nach dem Abendbrot einfach nur mit Jasko draußen und erzähle ihm von meinem Tag. Jasko, mein einziger und bester Freund in Manga!

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Naja und so gehen die Tage vorbei und man hat im schlimmsten Fall von früh bis Abend keine einzige Unterhaltung geführt. Aber das Schlimmste ist wirklich, dass Melanie nicht mehr da ist. Wir schreiben zwar täglich und telefonieren oft, aber es ist nicht das Selbe. Wir haben die letzten 7 Monate jeden Tag miteinander verbracht. Wir waren nur einmal fünf Tage nicht beisammen, als ich mit Vati und Jasper auf Safari war. Kein Kumpan mehr, mit dem man sich über kenianische Leute aufregt, neue Storys aus der Heimat austauscht und sich einfach mal ausheulen kann, wenn einem alles über den Kopf steigt. Man ist einfach alleine! Und man wird sehr schnell depressiv und fühlt sich fehl am Platz, wenn keiner Interesse an deiner Person zeigt.

Und dann wurde ich noch krank! Ich hatte die letzten zwei Monate immer mal phasenweise mit vermehrtem Haarausfall zu tun. Doch plötzlich wurde es echt extrem. Schon in Nairobi mit Amelie konnte ich mir richtig Haarbüschel vom Kopf ziehen. Naja Stress oder Vitaminmangel dachten wir.
Doch es bildeten sich kahle Stellen und schlußendlich bin ich dann doch mal zum Arzt. Diagnose – schwere Pilzinfektion am Kopf. Das ist hier sehr verbreitet, Melanie und Marion hatten es beide auch erst kurz zuvor. Nur hatte ich es dummerweise am Kopf und ich habe großflächig Haare verloren. Als dann schon mein ganzer Hinterkopf kahl war, habe ich mir die restlichen Fusseln noch abrasieren lassen.

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Schnappschuss von Domenic – da sieht man, wie es angefangen hat, die kahle Stelle hat sich dann über den ganzen Hinterkopf ausgebreitet

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und dann die Haare weg

Übers Wochenende ging es mir dann immer schlechter und ich bin zuhause geblieben. Kopf- und Bauchschmerzen, erhöhte Temperatur, Schwindel, extremer Durchfall und durchgehende Schlappheit. Als es mit den deutschen Medikamenten nicht besser wurde sondern immer schlimmer, habe ich mich dann doch lieber mal durchchecken lassen. Im Krankenhaus wurde Typhus diagnostiziert. 

Aber keine Angst, das Antibiotikum hat schnell geholfen und nach eineinhalb Wochen konnte ich wieder zur Schule gehen. Hier in Cottbus habe ich mich nochmal untersuchen lassen und alles ausgeheilt, bin wieder vollkommen gesund 🙂
Nur die Haare sind halt ab. Aber die wachsen schnell und es gibt schlimmeres im Leben als eine Glatze 😉

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Jasko war die Tage auch krank, dem gehts aber wieder gut

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Naja zumindest hat das alles irgendwie noch schrecklicher gemacht. So lange zuhause im Bett liegen, alles ist so dunkel im Haus, keine Beschäftigung, keinen Strom und dann niemanden, der mit einem reden möchte. Jacky kam zwar immer kurz rein, um Essen zu bringen, aber ansonsten war ich 24 Stunden alleine. Da ist mir einfach alles auf den Kopf gefallen und ich konnte nicht mehr.
Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken (eher zuuuu viel) und bin zum Entschluss gekommen, dass ich aus Manga rausmuss. Dieses Dorf, diese Leute hier … sie machen mich kaputt.
Ich bin nunmal eine Person, die gerne redet und lacht und Menschen braucht, mit denen man genau das machen kann. Ich will mein Lachen nicht verlieren. Außerdem brauche ich einen Ort, an dem ich auch mal etwas machen kann und nicht 19 Uhr im Haus sein muss, weil man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr draußen sein darf! Einfach etwas Freiheit …

Kurz hatte ich überlegt, das Freiwilligenjahr abzubrechen. Doch irgendwie wollte ich nicht aufgeben und es warten auch noch so schöne Reisen auf Melanie und mich. Also habe ich kurzerhand mit Vati einen Flug nach Hause gebucht, einen dreiwöchigen Besuch in der Heimat. Dann aber wieder zurück und so schnell wie möglich den Ort wechseln!

Ja, so haben Amelie, Melanie und ich noch ein schönes letztes Februarwochenende zusammen in Nairobi verbracht. Wir haben die gemeinsame Zeit sehr genossen.

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Melanies Haare ausgeliehen

Und ich habe die Gunst der Stunde genutzt und mit meiner „Stop Homophobia! Stop Racsim!“ – Aktion angefangen und Sticker verteilt und Leute angesprochen und über diese Themen gesprochen.

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Und dann bin ich Sonntagabend in den Flieger gestiegen, auf nach Hause.

Ja, so bin ich nun bereits zwei Wochen in Cottbus.
Meine Freunde wussten nix von meinem kurzfristigen Besuch, aber umso mehr haben sie sich natürlich gefreut. Alle einfach mal wiederzusehen, das tut gut. Und so bin ich sogar bei der Silberhochzeit meiner Eltern am Wochenende dabei.

Aber was ich die drei Wochen nun alles gemacht habe, könnt ihr dann im nächsten Artikel in den folgenden Tagen lesen!

Ganz liebe Grüße aus dem kalten frühlingshaften Cottbus, Hannah <3

3 Kommentare


  1. Hallo Schwesterlein,
    Bin echt froh das es mit dem kranksein so schnell vorbeigegangen ist. Und dann vor der Abreise mal eben gegen Rassismus starkgemacht. Hut ab 🙂

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  2. Es war schön, dass Du zwischendurch einfach mal hier warst. Hoffentlich konntest Du genug auftanken für kommende Durststrecken.
    ich wünsche Dir eine gute Zeit und tolle Eindrücke bei Eurer Rundreise.

    Mit liebem Gruß Stephan

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  3. hey hannah,
    Toll das du mal wieder in Deutschland warst ich mag es auch nicht wenn mann so lange alleine ist irgendwann reicht es einem dann warscheinlich mit dem alleine sein !
    Wünsche dir noch viel Spaß in Manga. Sehs doch posietiv immer wenn du Melanie mal wieder triffst kannst du dich umsomehr auf sie freuen!
    liebe grüße anna

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